[Urban Mobility]

Der Liefer­dienst für die Nachbarschaft

Bei Kiez­bringer werden alle Bestel­lungen mit dem Lastenrad ausgeliefert.

Johanna Riggers will mit ihrem Start-up Kiez­bringer eine Alter­na­tive zu Liefer­diensten wie Gorillas oder Flink schaffen. Und alle Händler aus der Nach­bar­schaft unterstützen.

von Frederic Witt

Liefer­dienste haben durch Corona einen großen Boom erlebt. Für 2021 prognos­ti­ziert der HDE Handels­ver­band Deutsch­land ein Wachstum des Online­han­dels von 17 Prozent. Start-ups wie Gorillas oder Flink sind wegen Milli­ar­den­be­wer­tungen, aber auch wegen Kritik an den Arbeits­be­din­gungen seit Monaten in den Schlag­zeilen. Johanna Riggers will ganz bewusst einen anderen Weg gehen als die bekannten Konkur­renten. Bei dem von ihr gegrün­deten Start-up Kiez­bringer stehen Nach­hal­tig­keit und soziale Faktoren im Fokus des unter­neh­me­ri­schen Handelns.

Riggers war in den vergan­genen Jahren in unter­schied­li­chen leitenden Marketing-Funktionen tätig und daher beruf­lich viel unter­wegs. So erlebte sie viel Frust beim Online­shop­ping. Gleich­zeitig versuchte sie, so oft wie möglich auch bei den Händ­lern aus ihrer Nach­bar­schaft einzu­kaufen. Als schließ­lich einer ihrer Lieb­lings­händler um die Ecke schließen musste, machte es bei ihr Klick: leere Laden­ge­schäfte, volle Straßen mit Liefer­fahr­zeugen und Unmengen an Verpa­ckungs­müll. So reifte in ihr die Idee für einen lokalen Liefer­dienst in Hamburg.

Deshalb grün­dete sie im Mai 2020 die Kiez­bringer Tech­no­lo­gies GmbH und arbei­tete in den folgenden zwölf Monaten intensiv an der Geschäfts­idee. Dabei standen drei Fragen im Fokus: Was braucht die Nach­bar­schaft? Was brau­chen die Kunden? Was braucht der Händler? Diese Fragen disku­tierte sie mit Experten aus der Branche, aber auch im privaten Umfeld. Für Riggers ist es wichtig, nicht Teil des Problems von mehr Liefer­ver­kehr in der Stadt zu werden. „Wir möchten zeigen, dass es auch anders geht“, sagt sie. Gemeinsam mit Foun­ding Partner und CTO Julien Ambos entwi­ckelte sie auch die tech­ni­sche Infra­struktur von Kiezbringer.


Sozial und
nachhaltig

Kiez­bringer soll für nach­hal­tige und soziale Werte stehen. Geringe Löhne, weswegen Liefer­dienste wie Gorillas oder Liefe­r­ando in den vergan­genen Monaten in der Kritik standen, soll es bei dem Hamburger Start-up nicht geben. Grün­derin Riggers will, dass sich alle Mitar­beiter mit der Idee identifizieren.

Grund­sätz­lich sollen alle Händler aus der Nach­bar­schaft die Möglich­keit haben, mit Kiez­bringer zusam­men­zu­ar­beiten. Die Platt­form will auch die Viel­falt des Vier­tels abbilden. Die ersten Partner setzen eben­falls auf Nach­hal­tig­keit. Die Kaffee Rösterei, einer der ersten Kiezbringer-Partner, setzt auf nach­hal­tige Verpa­ckung und spendet einen Teil seiner Erlöse an soziale Insti­tu­tionen. Riggers selbst will sogar 50 Prozent der erzielten Gewinne künftig in nach­hal­tige und soziale Projekte inner­halb des Unter­neh­mens reinvestieren.

Seit Mitte Juli ist Kiez­bringer für Kunden aus St. Pauli und angren­zenden Stadt­teilen verfügbar – zunächst mit drei lokalen Part­nern. Die Liefe­rung wird inner­halb von 120 Minuten garan­tiert, die Liefer­ge­bühr beträgt 2,90 Euro. Das zunächst über­schau­bare Sorti­ment ist Teil des Plans der Grün­derin. „Die ersten acht Wochen sind für uns eine wich­tige Test­phase, um unser Angebot noch stärker zu schärfen und dann im Herbst richtig durch­zu­starten. Wachsen wir zu schnell, werden wir diesen Lear­nings immer hinter­her­laufen“, erklärt Riggers. Gespräche mit weiteren Händ­lern seien bereits fort­ge­schritten. Das Angebot wird demnach in den kommenden Wochen sukzes­sive auf mehrere Tausend Produkte erhöht.

Fotos: Kiez­bringer

zur Person Johanna Riggers

Nach dem Studium von Busi­ness und General Manage­ment stieg Johanna Riggers vor rund zehn Jahren in die Marke­ting­welt ein. Ab Oktober 2015 verant­wor­tete sie beim Volks­wagen Konzern als Senior Group Cate­gory Manager einen der welt­weit größten Media­pit­ches. Knapp zwei Jahre später wech­selte Riggers wieder zurück auf die Agen­tur­seite. Als Commer­cial Director bei der Omnicom Media Group war sie unter anderem in den Berei­chen Finanzen & Legal sowie im Opera­tions Manage­ment tätig. Im Mai 2020 grün­dete Riggers schließ­lich die Kiez­bringer Tech­no­lo­gies GmbH.

Auf ihren bishe­rigen Stationen hat sie nach eigener Aussage immer wieder eins gelernt: Ein erfolg­rei­ches Team braucht nicht die eine Exper­tise und die eine Persön­lich­keit, sondern lebt von Diversität.


Ehrgei­zige
Ziele

Mitt­ler­weile besteht Kiez­bringer aus sechs festen Mitar­bei­tern sowie einer wach­senden Zahl an soge­nannten „Pickern“, die die Ware einsam­meln, und „Ridern“, die die Ware auslie­fern. Die „Picker“ sammeln die bestellten Produkte selbst in den Regalen des Händ­lers ein. So kann Kiez­bringer eine schnel­lere Auslie­fe­rung garan­tieren und zudem die Händler entlasten, da diese kein zusätz­li­ches Personal einstellen müssen. Im Opti­mal­fall sollen die Produkte bei den Händ­lern einge­sam­melt und direkt zum Endkunden gelie­fert werden. Um außer­halb der Öffnungs­zeiten ihrer Partner liefern zu können, betreibt Kiez­bringer zudem ein kleines Lager. Riggers setzt bei ihrem Team auf faire Bezah­lung und Wert­schät­zung. „Es bringt auch uns nichts, wenn die Rider nach einem Monat keine Lust mehr haben“, erklärt sie.

Trotz des über­schau­baren Start­an­ge­bots verfolgt Riggers mit Kiez­bringer ehrgei­zige Ziele und sucht für das bisher komplett eigen­fi­nan­zierte Start-up nun die passenden Inves­toren. „Wir wollen groß werden, haben aber auch gewisse Ansprüche, mit welchen Werten wir das Unter­nehmen führen wollen“, sagt sie. Nach und nach will die Grün­derin mit ihrem Team das gesamte Hamburger City-Gebiet belie­fern. Wenn alles nach Plan läuft, folgt 2022 bereits die Expan­sion in weitere deut­sche Städte.